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11.02.2017

Heimische Ärzteschaft im Umbruch

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Mehr Flexibilität von Krankenkassen und Politik: Das fordert Artur Wechselberger, der Präsident der Österreichischen Ärztekammer. Andernfalls drohe ein funktionierendes System zerstört zu werden.


Innsbruck – Bei den österreichischen Ärzten steht ein Generationenwechsel an. Und zwar einer, der so gravierend ist, dass sich das System dringend auf die Medizinerinnen und Mediziner von morgen einstellen muss, wie Artur Wechselberger fordert. Der Präsident der Österreichischen Ärztekammer appelliert an Gesetzgeber und Sozialversicherungsträger, die sich schon länger abzeichnenden Entwicklungen nicht beiseitezuschieben, sondern diesen Rechnung zu tragen. „Wir stehen derzeit an einem wichtigen Wendepunkt. Wenn wir jetzt große Fehler machen, dann zerstören wir etwas, das bisher gut funktioniert hat“, warnt der Innsbrucker Arzt.

Wer sich in den 1970er-Jahren als Mediziner niedergelassen hat, der habe das unter deutlich anderen Voraussetzungen getan, als er es heute tut. So sei es seinerzeit für einen Hausarzt klar und selbstverständlich gewesen, dass er es nicht mit einem 40-Stunden-Job und geregelten Arbeitszeiten zu tun hat. Wochenenddienste, Nachtdienste, Bereitschaftsdienste und Hausbesuche konnten teilweise nur deshalb abgewickelt werden, weil etwa die Ehefrau in der Praxis aushalf. Die Arztpraxis gewissermaßen als Familienunternehmen. Dieses Berufsbild hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert, sagt Wechselberger. Der Männeranteil von 70 Prozent sei bei den Allgemeinmedizinern mittlerweile auf 60 Prozent gesunken. Durch den bevorstehenden Generationenwechsel werde sich das Verhältnis in wenigen Jahren sogar umgekehrt haben. Dann werden 60 Prozent der Ärzteschaft weiblich sein.

Um Familie, Freizeit und Beruf künftig unter einen Hut bringen zu können, benötige es ein viel größeres Maß an Flexibilität. Und zwar nicht von den Ärzten oder Patienten, sondern von Politik und Krankenkassen. So müsse es beispielsweise möglich gemacht werden, dass ein Arzt oder eine Ärztin mit Kassenvertrag einen Arzt zur Unterstützung anstellt. Das ist derzeit nicht möglich, würde aber den Ärzten ein hohes Maß an Planungsfreiheit einräumen und den Beruf wieder deutlich attraktiver machen.

Auch im Bereich der Bürokratie müsse der Druck von den Ärzten genommen werden. „Rund 40 Prozent der Arbeitszeit in der Praxis wird mittlerweile für die Verwaltung aufgewendet“, rechnet Wechselberger vor. Dabei würden sich junge Menschen für den Arztberuf entscheiden, um in erster Linie medizinisch und nicht verwaltungstechnisch tätig zu sein. „Wir sind ja Mediziner und nicht Systemknechte“, sagt Wechselberger und meint damit sowohl die Praxis- als auch die Spitalsärzte. Dass inzwischen im System nicht mehr alles rund laufe, zeige im Spitalsbereich alleine die Tatsache, dass viele nach dem Studium im Ausland ihren Turnus absolvieren und dann auch dort bleiben.

Eine Wurzel des Übels ortet Artur Wechselberger in einer Grundeinstellung von Politik und Sozialversicherungen, die sich von den 1980er-Jahren bis heute konserviert habe. „Bis vor wenigen Jahren hatten wir in Österreich einen Ärzteüberschuss.“ Entsprechend leicht hätten es die Systemträger gehabt, Bedingungen, Anforderungen und Kriterien für die Ärzteschaft zu diktieren. „Inzwischen herrscht aber Ärztemangel und 30 Prozent der Abgänger gehen ins Ausland“, gibt Wechselberger zu bedenken. Die Frage dürfe daher nicht lauten, was die Ärzte für das System machen, sondern was das System für die Ärzte macht. „Politik und Kassen müssten eigentlich die Dienstleister der Ärzte sein und die Frage stellen: ,Was braucht ihr, damit ihr gut und mit Zukunftsaussicht arbeiten könnt?‘“ Derzeit herrsche aber weiterhin das Motto „Wir zahlen, deshalb schaffen wir an“. „Und das ist keine Partnerschaft auf Augenhöhe“, kritisiert der Präsident der Österreichischen Ärztekammer.

Der Kampf für einen Wandel im Gefüge ist für Wechselberger das Bohren harter Bretter. Man werde seitens der Ärzteschaft jedoch nicht müde, darauf zu pochen, das Umfeld so zu ändern, dass der Karren nicht an die Wand gefahren wird. „Wir wollen nicht, dass etwas kaputtgemacht wird. Das ist der Grund, weshalb wir uns immer so lautstark zu Wort melden“, sagt Wechselberger.


Von Nikolaus Paumgartten, Tiroler Tageszeitung